Die Geburtenrate in Deutschland und Europa sinkt seit Jahren – und mit ihr die Selbstverständlichkeit von Kindern. Es ist eine Binsenwahrheit – und gerade deshalb eine, die man offenbar wieder aussprechen muss: Kinder sind selbstverständlich. Und doch ist genau das in Vergessenheit geraten.
„In Deutschland und vielen anderen Ländern der Welt werden so wenige Babys geboren, dass die Bevölkerung schrumpft. Viele sehen darin eine existenzielle Bedrohung für Wohlstand und Stabilität“, war kürzlich in einem Welt-Artikel von Tobias Kaiser zu lesen.

Analyse einer Selbstverständlichkeit
Was einst selbstverständlich war, erscheint heute beinahe als Ausnahme. Geburtenraten werden analysiert, Prognosen errechnet, Versorgungssysteme durchkalkuliert. Kinder tauchen in Debatten vor allem als statistische Größe auf: als demografischer Faktor, als Zukunftsrisiko, als Belastung für Haushalte, Infrastrukturen und Lebensentwürfe. Genau darin liegt die Verirrung. Denn Kinder sind nicht zuerst ein politisches Problem. Sie sind ein Wunder des Lebens – Kinder sind selbstverständlich.
Nicht aus Sicht der Politik. Nicht aus Sicht ökonomischer Interessen. Sondern aus sich selbst heraus. Kinder nehmen das Leben an, als wäre es ein Geschenk – vorbehaltlos, ungebrochen, mit einer Radikalität der Freude, die Erwachsenen meist längst abhandengekommen ist. Ihr Wachsen, ihr Staunen, ihr Werden folgen einer inneren Kraft, die sich nicht kalkulieren lässt. Vorausgesetzt, das Umfeld trägt sie. Nicht perfekt – aber verlässlich.
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Gerade darin läge für Erwachsene ein Anlass zur Ehrfurcht: vor dem Leben selbst. Doch diese Ehrfurcht ist weithin ersetzt worden durch Nützlichkeitsrechnungen. Kinder werden in Kosten übersetzt, in Zeitaufwand, in Karrierenachteile, in Risiken für den eigenen Wohlstand. Das sagt viel über eine Gesellschaft, die fast alles beziffern kann, aber immer weniger zu würdigen weiß.
Kinder ergreifen das Leben
Kinder sind selbstverständlich. Sie warten nicht auf den passenden Zeitpunkt, sie verhandeln nicht mit dem Leben, sie stürzen sich hinein. Sie gehen nicht gemessenen Schrittes; sie laufen ihrem nächsten Abenteuer entgegen, selbst wenn es nur hinter der nächsten Straßenecke wartet. Sie lernen mit einer Geschwindigkeit und Begeisterung, die Erwachsene blass aussehen lässt. Sie scheitern, weinen, verzweifeln – und sind oft Minuten später schon wieder ganz dem nächsten Augenblick zugewandt. Ihr Werden, ihre Lebenskraft, ist stärker als ihr Rückschlag.

Die Last tragen in erster Linie die Eltern. Ihnen wird gesellschaftlich viel versprochen und praktisch oft wenig gegeben. Die großen Zusagen von Politik und Öffentlichkeit – Unterstützung, Entlastung, Vereinbarkeit – wirken nicht selten wie ideelle Konstruktionen: gut gemeint, sauber formuliert, aber ohne Seele und oft auch ohne Wirkung. Es fehlt nicht an Programmsätzen. Es fehlt an Wirklichkeitssinn – und an Liebe, Kinder sind selbstverständlich.
Denn der Kern der Sache lässt sich weder bürokratisch verwalten noch technokratisch ersetzen. Er lautet:
„Die Liebe ist langmütig und gütig; die Liebe neidet nicht; die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie benimmt sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu. Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit. Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ – Liebe unverfälscht, Kinder sind selbstverständlich.
Das Wesen der Liebe
Gerade für die Kleinsten gilt das in besonderer Weise. Denn Kinder brauchen nicht bloß Versorgung. Sie brauchen Hingabe. Sie brauchen Verlässlichkeit. Sie brauchen Liebe. Ein Kind lässt sich nicht mit Strukturformeln aufziehen. Somit trifft auch der erste Vers aus dem Hohelied der Liebe (1. Korinther 13) ins Herz: Wenn ich in den Sprachen der Menschen und der Engel rede, aber keine Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz oder eine schallende Zimbel.
Der Anfang des Lebens – Zeugung, Schwangerschaft, Geburt, die ersten Monate und Jahre – ist in seinem Wesen auf Zuwendung angewiesen. Neun Monate Schwangerschaft verlangen Liebe und Hingabe. Das Begleiten eines heranwachsenden Menschen verlangt Liebe und Hingabe. Ein Kleinkind würde ohne Liebe und Hingabe nicht bestehen. Kinder sind selbstverständlich und brauchen Schutz. Wer darüber nur im Vokabular staatlicher Transferleistungen spricht, verfehlt den Kern.
Das heißt nicht, dass finanzielle Unterstützung unwichtig wäre. Im Gegenteil. Gerade dort, wo Ressourcen fehlen, entscheidet materielle Hilfe mit darüber, ob Familien getragen oder zermürbt werden. Doch wenn Unterstützung nach dem Gießkannenprinzip im anonymen Einheitsgrau versickert, wenn Hilfen formal vorhanden, praktisch aber unzureichend sind, dann wächst aus politischer Fürsorge schnell politische Selbsttäuschung. Auf dem Papier ist vieles geregelt. Im Alltag scheitert das Entscheidende.
Und dann wundert man sich über sinkende Geburtenraten. Dabei ist es oft nicht einmal die große Theorie, die den Wert von Kindern sichtbar macht, sondern ein einziger Augenblick. Ein Szenenbild:
Kinder sind selbstverständlich
Die 16 Monate alte Lena kommt nach einem Jahr wieder an den Strand der Adria. Sie überquert den Zugang zum Strand – sie kann seit ihrem elften Monat laufen -, bleibt für einen Moment stehen, staunt, hebt den Arm, zeigt auf das Meer und sagt nur: „Da.“ Dann läuft sie los. Über den Holzsteg, in erstaunlichem Tempo, bis ihre kleinen Füße in den warmen Sand einsinken. Wieder Staunen. Ein Drehen der Füßchen. Dann weiter, geradewegs auf das Wasser zu.
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Am Rand des Meeres, über feinem Muschelabrieb, bleibt sie noch einmal stehen, zeigt wieder und sagt erneut: „Da.“ In der Sprache der Erwachsenen wäre das wohl nichts anderes als pures, ungläubiges Staunen. Dann die erste vorsichtige Berührung mit dem Wasser – und gleich darauf läuft sie knietief hinein. Kurz darauf kehrt sie um, läuft den Strand hinauf, dreht wieder um und zurück ins Meer. Fünfmal, sechsmal, immer wieder. Sie kann nicht genug davon bekommen. Kinder sind selbstverständlich und haben das Staunen nicht verlernt.
In solchen Augenblicken zeigt sich, was Kinder sind: unverstellt in ihrer Freude, ungebremst in ihrer Neugier, unverdorben in ihrer Gegenwart. Ihr Staunen, ihr Entdecken, ihre Begeisterung – all das ist nicht Beiwerk des Lebens, sondern sein vielleicht reinster Ausdruck.
Und wir Erwachsenen? Wir stehen daneben und beginnen zu rechnen. Wie viel Zeit kostet ein Kind? Wie viel Geld? Wie viel Kraft, wie viel Verzicht, wie viel Einschränkung? Das ist nicht falsch – aber es ist zu wenig. Wer nur die Mühe sieht, wird nie begreifen, was der Aufstieg wert ist. Man besteigt keinen Berg, wenn man nur an den anstrengenden Weg denkt. Wer nie aufbricht, wird auch die Aussicht nie kennen.
Kinder fordern ihren Preis
Ja, Kinder zu bekommen ist fordernd. Schwangerschaft und Geburt können hart sein, manchmal erschütternd hart. Gerade deshalb brauchen Eltern menschlichen Beistand: den Partner, Großeltern, Familie, Freunde. Kurz: ein tragendes Umfeld. Kinder sind selbstverständlich. Doch auch dieses Bewusstsein ist brüchig geworden. „Soziales Umfeld“ heißt das dann im Fachjargon – und klingt bereits so abstrakt, dass man ahnt, was verloren gegangen ist.
Dabei betrifft die Frage nach Kindern nicht nur einzelne Paare, sondern die Gesellschaft als Ganze. Eine alternde Gesellschaft kann ihren Wohlstand, ihre sozialen Sicherungssysteme und letztlich ihre eigene Lebendigkeit nicht dauerhaft ohne nachfolgende Generation erhalten. Trotzdem zeigt selbst massiver Mitteleinsatz keine automatische Wirkung. Südkorea hat über Jahre enorme Summen in familienpolitische Programme investiert – und kämpft dennoch mit einer extrem niedrigen Fertilitätsrate. Geld allein genügt offenkundig nicht.
Was also fehlt? Ein kulturelles und moralisches Fundament. Eine Überzeugung davon, dass Kinder nicht Störfaktor, sondern Reichtum sind. Dass Familie nicht bloß organisiert, sondern getragen werden muss. Dass Leben nicht erst dann wertvoll ist, wenn es bequem in bestehende Lebensmodelle passt.
Kinder sind ein Turbo des Lebens
Kinder zu haben bedeutet immer auch Verzicht. Es bedeutet, Kräfte zu geben, Pläne zu verändern, Sicherheiten preiszugeben. Aber genau darin liegt kein Makel, sondern menschliche Reifung. Kinder sind keine Unterbrechung des Lebens. Sie sind seine Fortsetzung. Vielleicht sogar seine wahrhaftigste Form.
Wer angesichts sinkender Geburtenzahlen nur in Förderlogiken, Steuermodellen und Infrastrukturprogrammen denkt, greift zu kurz. All das ist nötig – und doch nicht genug. Ohne eine Gesellschaft, die Kinder wieder als selbstverständlich begreift, wird der demografische Abwärtstrend nicht zu stoppen sein.
Kinder sind selbstverständlich. Sie sollten es jedenfalls sein.
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